Home

Wir über uns

Allgemein

Kurse

Vorträge

Ausflüge/Törns

Lexikon

Termine

Infos

Zeitung

Foto-Galerie

Links

Geschenkgutschein

Impressum

Sportbootschule Steiner

Bilder - Galerie

Hurrikan Ivan Karibik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ISCHAU MIR IN DAS AUGE, KLEINES ........

 (Es handelt sich nicht um „Casablanca“, 2. Teil)

von Jens Belau und Änne Nienaber, SY Te Rapunga

Es ist windstill, die Sonne scheint. Oder ist es gar nicht die Sonne? Auf jeden Fall ist es sehr hell geworden, etwas verwaschen zwar, aber hell. Eigenartig ist das völlige Fehlen von Geräuschen.

Wir schreiben den 07. September 2004 und befinden uns auf 12°00,800’ N und 061°42,500’ W, es ist 16.00 Uhr Ortszeit. Das Barometer zeigt 953 mb, es ist gerade „Halbzeitpause“. Das  meint, das Auge von Hurrikan Ivan zieht über uns hinweg.

Am Freitag, den 13.08.2004, hatten wir unseren Anker aufgeholt, um die Prickly Bay (Grenada) zu verlassen und in „unsere“ Bucht zu fahren. Normalerweise lassen wir ein solches Datum still und ohne große Aktivitäten an uns vorüber ziehen; wir sind ja nicht abergläubisch, aber .......... Doch der Wetterbericht meldete eine tropische Welle mit einem Tief auf 41 W 09 N, das Entwicklungspotential hatte. Es war also an der Zeit, einen sicheren Ankerplatz aufzusuchen.

Am Sonntag hatte sich dieses System zum tropischen Sturm Earl entwickelt und befand sich auf 11,8° N60,8° W, also direkt vor unserer Haustür. Wir hatten das Boot sturmklar gemacht und zusätzliche Anker bereitgelegt. Um die Mittagszeit zog Earl dicht an der S-Küste Grenadas vorbei ins karibische Meer. Earl hatte „nur“ 40 kn stetigen Wind mit stärkeren Böen und war gut am Anker abzureiten.

Das Auffallende an dieser Hurrikansaison ist, dass sich die Wettersysteme unnormal weit im Süden entwickelten und auf ihrer späteren Zugbahn oft nicht genug Nord machten, um mit Abstand an Grenada vorbeizuziehen. Eine für diese Jahreszeit ungewöhnlich starke Hochdruckbrücke im N-Atlantik verhinderte die gewöhnliche WNW-Zugrichtung und ließ die Systeme W oder sogar WSW laufen. So war bereits eine tropische Depression (später Hurrikan Charley) und nun auch Earl dicht südlich an Grenada vorbeigezogen.

Auch als Ivan seine Bahn zog, gab es besagte Hochdruckbrücke. Am 02.09. meldete der Wetterfrosch eine tropische Welle mit einem Tief auf 10°N 23°W, das sich noch am gleichen Nachmittag zum tropischen Sturm Ivan entwickelte (diese rasche Entwicklung ist ebenfalls ein Phänomen der diesjährigen Hurrikansaison). Position am 03.09., 05.00 Uhr: 10,0°N 30,7°W, Zugrichtung 280° mit 14 kn. Wind: 35/45 kn. Die Vorhersage für die nächsten 3 Tage spricht von einem WNW-Zug und der Entwicklung zum Hurrikan (Vorhersage für 06.09., 06.00 Uhr: 11,6 N 49,0 W, Wind 70/85 kn). Am 03.09. um 11.00 Uhr schockt uns Ivan mit seiner neuen Position: 09,6 N 32,9 W, Zugrichtung 270° mit 15 kn, Wind: 42 kn.  04.09., 05.00 Uhr: Ivan ist auf 09,0 N 37,4  W, zieht W mit 16 kn und bläst nun mit 50/60 kn (d. h. 50 kn stetiger Wind, Böen bis 60 kn), Luftdruck 997 mb. Die Vorhersage geht weiterhin von einer später WNW laufenden Zugbahn aus. Doch Ivan, der Sch...kerl, scheint die Wetterexperten mit seiner 11.00 Uhr-Position verhöhnen zu wollen: 08,9 N 38,9 W, W-ziehend mit 16 kn. Hatte die erste Morgenposition unser Frühstück bereits recht lustlos ausfallen lassen, so schnürte Ivan uns jetzt förmlich den Magen zu.

Es sah so aus, als würde es dieses Mal dicker kommen als je zuvor. Doch bevor wir das Boot sturmklar machen konnten, mussten wir noch je 1 Lattenrost und Schanzkleid wieder montieren. Beides hatten wir abgebaut und in den letzten Tagen repariert. Mittags kamen 2 Boote in unsere Bucht, und nach dem Funkverkehr zu schließen, waren noch mehr im Anmarsch. Wir gingen ankerauf und sicherten uns einen guten Platz an den Mangroven (Mangroven sind immergrüne Bäume mit kräftigen Luftwurzeln, sie wachsen im Uferbereich halb im Wasser, halb an Land. Durch die weitflächige Verankerung des Wurzelwerks und die Bruchfestigkeit des Holzes ist der Mangrovengürtel ein idealer Uferschutz). Der Mangrovenabschnitt, vor dem wir lagen, war 6 – 7 m breit und hatte etliche Bäume bis zu 5 m Höhe bei einem Stammdurchmesser von 20 –40 cm. Gegen Abend waren alle Plätze neben uns von Booten belegt, und alle hatten einen guten Sicherheitsabstand zu den Nachbarn gelassen. Diese Boote hatten auch bei Earl hier Schutz gesucht, und einige der Eigner hatten bereits Hurrikan-/Taifunerfahrung.

So., 05.09.2004: Um 05.00 Uhr steht Ivan auf 09,7 N 44,3 W, 280° ziehend mit 18 kn (später sollte er WNW laufen), Wind 65/85 kn, 987 mb, Durchmesser des Auges 30 sm. Vorhersage für 06.09., 06.00 Uhr: 11,3 N 50,6 W, Wind 75/90 kn; 06.09., 18.00 Uhr: 12,2 N 54,1 W, 80/100 kn Wind. Verdammt, Ivan, so hör doch endlich hin, was die Wetterfrösche sagen ..... Jedenfalls schöpfen wir wieder Hoffnung, dass Ivan doch noch in einiger Entfernung an der Ostseite Grenadas entlangzieht.

Inzwischen ist die Bucht gut gefüllt, und alle Boote liegen mit Heckleinen zu den Mangroven und nach vorne mit 1 oder 2 Ankern. Fast alle haben einen Sicherheitsabstand zueinander gelassen. Nur eine Charterbootfirma macht die große Ausnahme. Sie legt ca. 12 Boote im Päckchen an den Mangrovenrand (Buganker und Heckleinen) und an anderer Stelle noch einmal 6 Katamarane in gleicher Weise. Wir in unserer Ecke mussten unsere Sicherheitsabstände heftig verteidigen, weil immer wieder einige der „Jonny-come-latelies“ sich ebenfalls noch hierher legen wollten und womöglich ein heilloses Gewirr der Ankergeschirre angerichtet hätten.

Nun beginnen wir das Schiff sturmklar zu machen, und zwar dieses Mal wesentlich ernsthafter als wir es bei Earl getan hatten. Alles, was sich lose an Deck befindet, wird unter Deck verstaut, oder, wenn das nicht geht, sorgfältig festgezurrt. Vorsegel werden abgeschlagen, Anker, Ketten, Leinen und Fender an Deck bereitgelegt. Es geht zu wie in einem geschäftigen Ameisenhaufen, wobei leider nur 2 Ameisen herumwimmeln, während die Königin, Bordhund Snowy, irgendwo in einer schattigen Ecke liegt und schläft, ähem, nachdenkt natürlich. Übrigens schattige Ecke, sowas hätten wir auch gern gehabt. Aber wir haben einen knallblauen Himmel und kein Lüftchen, jede Bewegung ist doppelt anstrengend in der brüllenden Hitze.

Um 17.00 Uhr gab es eine neue Position von Ivan dem Schrecklichen, wie er bereits genannt wurde: Ivan war bereits ein Kategorie 3-Hurrikan (die Skala geht bis 5) und befand sich auf 10,4 N 47,7 W, WNW-ziehend mit 18 kn, Wind 110/125 kn, 950 mb – ein echter Kracher. Vorhersage 06.09., 06.00 Uhr: 11,0 N 50,4 W, 115/140 kn; 18.00 Uhr: 11,9 N 54,0 W, 120/145 kn. Es ist das 1. Mal seit Sturmsysteme aufgezeichnet werden, das sich ein derart starker Hurrikan so weit im Süden entwickelt hat.

Wir sprachen mit Joe von der amerikanischen Segelyacht Jubilee über dieses Gefühl vor einem Hurrikan. Ivan schickte sich an, Joes 5. Hurrikan zu werden. Die ersten 4 hatte er auf St. Martin mitgemacht, und obwohl er sie alle unbeschadet überstanden hatte, hatte er Angst. Auch Änne fühlt allmählich die Angst vor dieser wahnsinnigen Naturgewalt in sich aufsteigen, während ich bis jetzt „nur“ ein mulmiges Gefühl habe. Joe war im Übrigen dieses  Jahr extra nicht in St. Martin geblieben, weil er endlich mal keinen Hurrikan haben wollte .........

Mo., 06.09.2004, 05.00 Uhr 10,8 N 51,6 W, mit 20 kn in 275° ziehend, 110/135 kn Wind, 951 mb, Winde mit Hurrikanstärke zwischen 35 sm, Winde mit Sturmstärke 140 sm vom Zentrum.  Vorhersage für 18.00 Uhr: 11,6 N 54,3 W, 115/140 kn; 07.09., 06.00 Uhr: 12,3 N 57,5 W, 120/145 kn. Weiterhin nährt also der Wetterbericht unsere Hoffnung, dass Ivan auf der Atlantikseite an Grenada vorbeizieht. Da die Winde mit Hurrikanstärke derzeit nur 35 sm vom Zentrum hinausreichten, hätten wir dann die Chance, „bloß“ Sturmstärke zu kriegen, also irgendwas zwischen 34 und 63 kn.

Egal wie, Änne macht den Vorschlag, das Boot längsseits an die Mangroven zu legen. Träfe uns der Wind volle Breitseite, würden wir aus der einen Richtung durch die Mangroven geschützt, von der anderen Richtung in die Mangroven hineingedrückt. Bei einem  Liegen mit Bugankern und Heckleinen wären dagegen bei quer zum Schiff kommendem Wind unsere Leinen und Ankergeschirre der vollen Wucht des Windes ausgesetzt. Also drehten wir das Boot so,  dass wir an 3 Ankern und 6 Leinen längsseits der Mangroven lagen. Joe wies noch darauf hin, dass die Leinen nicht zu tief angebracht werden dürften, denn das Wasser würde 5 – 6 Fuß (1 Fuß = 0,3048 cm) höher als normal ansteigen. Für die meisten Leinen wählten wir Befestigungspunkte wie Vor- und Achtersteven sowie Querträger, der Rest wurde auf Klampen belegt.

Als letztes packten wir das Sonnensegel weg, womit der einzige noch übrige Schattenplatz dahin war, sowie Großsegel und Besan.

Was nun folgte, war schlimmer als all die Maloche vorher, das Warten. Um 17.00 Uhr eine neue Position: 11,6 N 55,3 W, WNW-ziehend mit 20 kn, 968 mb, 95/115 kn. Ivan hatte also etwas an Kraft verloren. Dieses Warten, Hoffen und Bangen zermürbt. Man ist körperlich kaputt von der vielen Plackerei und wünscht sich nichts als Ruhe. Doch die gibt es nicht, da oben im Kopf geht’s immer weiter, die Gedanken jagen einander. Nein, es gibt keine Entspannung, dabei werden wir unsere Kraft noch bitter nötig haben.

Um 20.00 Uhr bekommen wir noch eine neue Position auf einem Kirchensender. Das ist eine Radiostation, die täglich 18 Stunden lang Predigten, Kirchenlieder, Aufrufe etc. bringt,  zwischendurch jedoch auch Nachrichten und Informationen von tropischen Wettersystemen, die die Inselketten bedrohen. Ivan befindet sich auf 11,3 N: 56,3 W, läuft W mit 21 kn (später WNW erwartet), 964 mb, 95/105 kn; Hurrikanwarnung für Barbados, St. Lucia, St. Vincent und Grenada. Das haut uns aus den Pantoffeln. Haben wir uns verhört, hat sich der Ansager versprochen? Anstatt 11,3 sollte es sicher11, 8 N heißen. Ja, so muss es sein! Und mit diesem Gedanken schläft man dann doch irgendwann ein.

 

Di., 07.09.2004, 05.00 Uhr: Hurrikanwarnung für St. Vincent und Grenada; Ivan 11,4 N 58,5 W,

280° ziehend mit 18 kn (später WNW), 965 mb, 95/110 kn. (Vorhersage für 18.00 Uhr: 12,1 N 61,2 W,

105/130 kn; 08.09., 06.00 Uhr: 13,0 n 64,5 W, 110/135 kn. Das einzig Gute am 2. Teil der Vorhersage ist, daß wir Ivan dann überstanden haben – wenn wir ihn denn überstehen). Immer noch gehen die Wetter-

experten von einer WNW-Zugbahn aus. Dabei lag keine der bisherigen Vorhersagen auch nur ungefähr richtig. Man hat fast das Gefühl, daß da Blinde sind, die mit ihrem Stock irgendwelche Zahlen antippen. Doch egal wie; Ivan wird uns voll erwischen, jetzt wird es wirklich ernst. Ivan könnte sogar südlich von Grenada durchziehen. Dann würde das Viertel mit den stärksten Winden (in Zugrichtung gesehen das vordere rechte Viertel) Grenada erwischen. Für uns würde das einen von Ost über Süd nach West drehenden Wind bringen.

Änne packt die nackte Angst. Sie sagt, sie hält das nicht durch. Es wäre besser für uns beide, wenn sie irgendwo in einem sicheren Haus unterkäme. Wir rufen Bekannt an, die 500  m Luftlinie von uns entfernt wohnen. Sie bieten uns sofort eine Unterkunft an. Ich werde aber auf jeden Fall an Bord bleiben, Änne will sich alles nochmal durch den Kopf gehen lassen, ist jedoch froh über die Möglichkeit gehen zu können.

08.00 Uhr: 11,6 N 59,4 W, 270° ziehend mit 16 kn, 963 mb, 105/130 kn. Inzwischen reichen die Winde mit Hurrikanstärke 70, die mit Sturmstärke 160 sm vom Zentrum hinaus, ein Riesensystem. Diese Position gibt Änne den Rest, sie kommt gegen ihre Angst, oder besser gesagt Panik, nicht mehr an. In den inzwischen häufigen Schauern ist der Wind schon recht kräftig. So nutzen wir eine Regen-/Windpause, um an Land zu rudern. Änne nimmt vorsichtshalber unsere wasserdichte Box mit allen wichtigen Dokumenten etc. mit. Wir verabredeten, über Handy in Verbindung zu bleiben und wünschten uns gegenseitig alles Glück der Erde. Unsere Freunde, Hans und Carola, wohnen auf der anderen Seite der Landnase an einer nach Südosten offenen Bucht.  Von dort her konnte man schon seit dem frühen Morgen das Donnern der auf die Riffe hämmernden Brandung hören; Ivan schickt einen mächtigen Schwell voraus.

Ich rudere zurück zur Te Rapunga und parke das Dingi zwischen Bb-Rumpf und Mangroven, was ich als sichersten Platz ansehe. An Bord schaue ich erstmal auf’s Baro: 1004 mb, es ist seit gestern 20.00 Uhr nur um 4 mb gefallen.

11.00 Uhr: 11,8 N 60,2 W, 280° ziehend mit 16 kn, 963 mb, 105/130 kn Wind. Man kann Ivan schon fast ins Gesicht spucken, so  nah ist er gekommen. Jetzt interessiert auch keine Vorhersage mehr. Das Spiel ist gestartet, die Kugel läuft, mal sehen, wohin. Um 12.35 Uhr ist das Baro auf 1002 mb gefallen, 15 Min. später auf 1001. Ab jetzt fällt der Zeiger recht rasant: 13.15 = 999 mb, 13.40 = 997,2 mb. Um 14.00 Uhr klingelt das Handy, Änne hat eine neue Position vom Internet: 11,9 N 61,2 W, d. h. 25 sm SSO von Grenada (na, Prost Mahlzeit), 270° ziehend mit 16 kn, 110/135 kn, 956 mb.

Draußen heult der Wind inzwischen mit Sturmstärke. In der nächsten Stunde fällt das Baro auf 987,8 mb, die Windstärke liegt ei 50 – 60 kn aus nördlicher Richtung. Regen hat eingesetzt, der waagerecht gegen die Kajüten peitscht. Die Böen dürften mehr als 70 kn  erreichen, es ist schwer zu schätzen; Äste der Mangroven fliegen umher; der Wasserstand ist um ca. 1 m gestiegen. Um 15.39 Uhr zeigt das Baro 975 mb. Seit etwa 1 ½ Stunden bläst es mit 100 – 120 kn aus Nord mit einer leichten Westtendenz. Die Mangroven sehen arg zerzaust aus. Das Wasser ist nun 1,5 m über normal.

Zöge Ivan östlich von uns durch, müsste der Wind jetzt nordwestlicher kommen, auch das Baro müsste wieder steigen. Oder aber ....?? In Ivans kurzen Verschnaufpausen ging ich an Deck, um Leinen und Anker zu kontrollieren. Es sah alles gut aus, auch bei den Nachbarliegern.

Das Baro fiel stetig weiter:   15.42 Uhr  =  973 mb

                                           15.44 Uhr  =  970 mb

                                           15.46 Uhr  =  967 mb

                                           15.47 Uhr  =  965 mb.

Die Geräuschkulisse des  kreischenden Windes und des gegen die Kajüte trommelnden Regens war ohrenbetäubend. Durch den Regen und das diffuse Dämmerlicht war die Sicht gleich Null. Da – von Nordosten kommt eine helle Wand auf uns zu. Am Berg im Norden sieht man einzelne Tornados den Hang hinunterfetzen. Die großen Bäume explodieren förmlich, Dächer fliegen, es bleibt ein radierter Korridor.

15.58 Uhr = 955 mb, es wird hell und still, unnatürlich still. Ich gehe raus und komme mir vor, als beträte ich eine andere Welt. Wieder kontrolliere ich Leinen und Ankergeschirre und lenze das Dingi, das erstaunlich wenig Wasser genommen hat. Im Süden der Bucht, an einem kleinen Strand, sehe ich einen Pulk von ca. 8 Booten durcheinander liegen. Durch unsere Guckmaschine erkenne ich, dass es sich um Boote der  Charterfirma handelt, die vorher im Päckchen mit anderen gelegen hatten. Hoffentlich treiben die nicht auf uns zu, wenn der Zirkus wieder losgeht. Denn das ist jetzt klar: Ivan ist noch nicht fertig mit uns. Wir befinden uns in seinem Auge: Und gleich geht der ganze Mist noch mal von der anderen Seite los. Hoffentlich haben wir dort die Leinen genauso sorgfältig ausgebracht. Auch auf den anderen Booten werden Kontrollgänge gemacht. Wir heben den Daumen, winken uns zu und verschwinden wieder im Inneren der Boote.

Ich probiere zum wiederholten Male, Änne per Handy zu erreichen, bekomme aber keine Verbindung. Wahrscheinlich ist das Telefonnetz tot. Hätte sich doch unsere Handfunke mitgenommen, doch daran haben wir schlicht nicht gedacht.

Um 16.05 Uhr hatten wir mit 952 mb den tiefsten Barometerstand. Um 16.15 Uhr, beim Barostand von 955 mb, wurde der Windschalter umgelegt, und es ging sofort mit 110 – 120 kn zur Sache, diesmal fetzte es aus SO – SSO. Die Leinen schienen zu halten, und auch der CQR hielt seine Position. Bei dieser Windrichtung wurden wir in das Mangrovenpolster gedrückt. Bei dieser Richtung heult Ivan über 500 m freie Wasserfläche und baut rasch eine ca. 70 cm hohe Welle auf, die schräg von achtern gegen den Stb-Rumpf knallt. Ivan hat das auf Drift gegangene Bootsknäuel in eine tote Ecke geschoben, wo es keinen Schaden an anderen Booten anrichtete.

Das Baro stieg nun genauso stetig wie es vorher gefallen war (16.23 Uhr = 965 mb, 16.30 = 970 mb), nur war die Geräuschkulisse durch die gegen den Rumpf klatschenden Wellen noch größer. Allmählich drehte der Wind mehr nach Süd, so dass die See achterlicher kam. Jetzt schlugen die Ruder hin und her, wir hatten vergessen sie festzusetzen. Der Wind lässt ein Rauskriechen zum Cockpit zu, ich kann das Steuerrad belegen. Danach ist erst mal Kleiderwechsel angesagt, denn trotz Ölzeug bin ich völlig durchnässt.

16.43 Uhr = 980 mb, 16.52 Uhr = 983 mb. Der Wind nimmt auf Orkanstärke ab, oder kommt es mir nur so vor, weil ich mich an das Gekreische gewöhnt habe? Um 17.00 Uhr wird Ivan auf 12,0 N 62,0 W gemeldet, 20 sm WSW von Grenada , 280° ziehend mit 16 kn, 110/135 kn. Ivan liegt auf der Grenze zwischen Kategorie 3 und 4. Das Baro stieg nun langsamer, der Wind blies weiter mit ca. 50 kn aus Süd, und der Regen hatte schon mal zwischendurch Pause.

17.17 Uhr = 988 mb, 17.41 Uhr = 991 mb; der Barozeiger erreicht normalere Regionen. Ich habe die Idee, mit dem Beiboot zur anderen Uferseite zu rudern, um mich bei Änne zu melden. Bei dem Wind aber ein sinnloses Unterfangen. Später scheiterten noch 2 Versuche an den gleichen Bedingungen, wobei es inzwischen zusätzlich stockdunkel geworden war. Unser Hund hat die ganze Zeit in einer Ecke unter dem Tisch gelegen und Ivan regelrecht verpennt.

Einige Barostände: 18.05 Uhr = 994 mb, 19.05 = 998,2,  19.30 = 999,2. Um 20.00 Uhr steht Ivan auf 12,0 N  62,5 W, zieht 270° mit 16 kn, 950 mb, 120/145 kn. In den letzten 3 Stunden ist Ivan nur 30 sm nach West gezogen, daher haben wir immer noch einen solch starken Wind. Gegen 20.30 legte ich mich in die Koje, um ein wenig abzuschalten, und es gelang mir tatsächlich, eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. Zwar pustete es immer noch ganz ordentlich, aber nach den in den Nachmittagsstunden erlebten Windstärken regte mich das nicht mehr sonderlich auf.

Um 02.00 Uhr (Baro = 1005 mb) weht es nur noch mit 30 kn, allerdings gießt es wie aus Eimern. Unser Bordhund wird allmählich etwas unruhig, denn der letzte Landgang ist 20 Stunden her, und es sind dringende Geschäfte zu erledigen. Gegen 03.30 Uhr hört der Regen endlich auf, der Wind hat auf 20 kn abgeflaut, und ich kann mit meinem Hund an Land rudern. Das angesteuerte Stück Land ist auch wieder begehbar, denn der Wasserstand ist auf normal zurückgegangen.

Bei Tagesanbruch sieht man erst, was Ivan aus dieser Ecke Grenadas gemacht hat. Man entdeckt Häuser, die vorher von Bäumen und Büschen verdeckt waren; keines der Dächer ist ohne Schaden geblieben, etliche Dächer sind komplett weg. Tornadoschneisen ziehen ihre Spur durch die sowieso schon schwer zerstörte Landschaft. Überall liegen Äste, ganze Bäume, Telefonmasten mit Kabeln, Wellblech usw. Irgendwie hat die Landschaft alle Farbe verloren, alles wirkt grau. Der Wind hat auf 10 – 15 kn nachgelassen, eine lauschige Brise also , und es ist trocken. Es könnte ein ganz normaler Morgen sein.

Ich gehe, um mich bei Änne zu melden; sie hat auch alles gut überstanden, erlebte Ivan aber aus einem etwas anderen Blickwinkel.

Ach ja, der Ordnung halber noch die 05.00 Uhr-Position: 12,4 N 64,8 W, 280° ziehend mit 14 kn, 946 mb, 135/155 kn. Ivan ist nun ein Hurrikan der Kategorie 4.

Es ist fast wie ein Wunder: Wir haben dieses Ungeheuer heil überstanden. Unser Boot hat lediglich ein paar Kratzer von den Mangroven abbekommen.

Di., 07.09.04., 10,30 Uhr; So, da stehe ich nun mit meiner wasserdichten Dokumentenbox und sehe zu, wie Jens zum Boot zurückrudert. Ausgekniffen bin ich: Als Ivan immer näher kam und klar wurde, wir würden ihm nicht entgehen können, steigerte sich meine Angst zu regelrechten Panikattacken, die mich zeitweise bis zur Handlungsunfähigkeit lähmten. Ich hatte eine Menge über Hurrikane und ihre wahnsinnigen Kräfte gelesen, doch wusste ich von hurrikanerfahrenen Leuten, dass alles Gelesene von der Wirklichkeit in den Schatten gestellt werden würde, Sch.....-Phantasie. Auch jetzt noch plagten mich Zweifel: Hätte ich nicht auf jeden Fall an Bord bleiben müssen, und war ein Haus wirklich sicherer als ein an den Mangroven vertautes Boot? Meine Angst siegte, und so floh ich, wenn ich schon nicht irgendwo hin, ganz weit weg, abhauen konnte, wenigstens in das nahegelegene Haus unserer Freunde. Jetzt war ohnehin alles egal, Ivan würde sich in Kürze über uns hermachen.

Außer der 4-köpfigen Familie waren da noch ein französischer Architekt mit Frau sowie ein amerikanisches Ehepaar. Das Architektenpaar hatte hier Zuflucht gesucht, weil es vermutete, das von ihnen gemietete und sehr exponiert am Kap gelegene Haus könne den gewaltigen Winden nicht standhalten. Die Amerikaner hatten ganz in der Nähe ein Grundstück gekauft und wollten demnächst mit dem Hausbau starten. Sie hatten bis dahin auf ihrem vor dem Grundstück ankernden Katamaran gewohnt und das Boot wegen Ivan nun mit 7 Grundgeschirren festgemacht. Sie hatten bereits 4 Hurrikans mitgemacht, einen davon auf See, und wollten um keinen Preis an Bord bleiben. Nun vervollständigte ich diese bunt zusammen gewürfelte Gesellschaft.

Erstaunt stellte ich fest, dass die langen Fensterfronten nicht mit Sperrholzplatten verschalt oder wenigstens kreuz und quer mit Klebeband versehen sind, um bei einem Bruch der Scheiben das Umherfliegen von Glassplittern zu verhindern. Zum einen hatten unsere Freunde das Herannahen von Ivan sehr spät registriert, und zum anderen glaubten sie, wie fast jeder hier auf Grenada, die Insel bliebe, wie schon seit 49 Jahren, auch dieses Mal wieder verschont. Jedenfalls konnte ich auf die Bucht hinaussehen, deren ungewöhnlich laute Brandung wir schon frühmorgens gehört hatten. Obwohl der Wind noch nicht einmal Sturmstärke erreicht hatte, rollten riesige Brecher auf die Riffe. Ivan musste da draußen, ostsüdöstlich von uns, toben wie ein Irrer.

Gegen Mittag pustet es draußen ganz ordentlich, die Gischt der Brecher fliegt in hohen weißen Schleiern davon. Die Brandung klingt wie ein anhaltendes dumpfes Dröhnen, untermalt von gewaltigen Paukenschlägen.

14.00 Uhr: Jetzt geht es richtig zu Sache: Der Wind bläst mit Hurrikanstärke und nimmt immer noch stetig zu. Es gibt eine neue Ivan-Position aus dem Internet. Ich teile sie Jens übers Handy mit; an Bord geht soweit alles gut. Das war der letzte Telefonkontakt, denn kurz danach sind fast alle Telefonkabel zerrissen und die Sendemasten für die Handys zerstört. Dann fällt auch der Strom aus. Zur Zufahrt des Hauses hin sind alle Fenster geöffnet, damit ein ständiger Druckausgleich zwischen dem Hausinnern und draußen gewährleistet ist. Durch den dichten Regenvorhang können wir verschwommen die wild bewegten Palmen am steil zur Straße ansteigenden Hang sehen. Der Wind hat sich auf schätzungsweise 110 – 120 kn hochgeorgelt, in Böen noch mehr, das Haus zittert. Dazu prasselt der Regen waagerecht und unbeschreiblich hart gegen das Haus und schießt in dicken Strahlen durch die Ritzen der geschlossenen Schiebefenster, die zur Bucht hinausgehen. Und zu allem das Getöse der Brecher. Die Geräuschkulisse ist gewaltig, ich finde keine Worte, die das richtig beschreiben könnten.

Wir sehen bedrückt, erschüttert, hinaus in das Inferno. Die Welt sieht eigenartig farblos aus, graubraun wie auf alten Fotos. Dicke Äste fliegen vorbei, ja ganze Bäume, dann ein großes Stück Wellblech. Das Nachbarhaus hat nur noch ½ Dach, Minuten später ist auch der Rest weg. Unter uns bewegt sich die großflächige Versandabdeckung immer wieder um einige cm auf und ab, wenn die mächtigen Böen darunter fassen. Meine Güte, wenn das Ding hier oben in die Fenster kracht .... Auch die Fensterscheiben biegen sich unter dem Winddruck nach innen durch. Es ist an der Zeit nach unten zu gehen, in den sichersten Raum des Hauses. Er hat dicke Betonmauern und nur kleine Fenster. Es liegt einiges Werkzeug bereit, falls das Haus einstürzt und wir uns freibuddeln müssen, ein entsetzlicher Gedanke. In der angrenzenden Toilette stehen Eimer für menschliche Bedürfnisse bereit, denn das Spülklo soll nicht benutzt werden, das Wasser ist zu kostbar, um durchs Klo gespült zu werden. Zwar haben hier viele Häuser Wasservorratstanks (werden mit Leitungswasser gefüllt), doch möglicherweise ist die Wasserversorgung auf Wochen hinaus unterbrochen, so dass jede Verschwendung unterbleiben muss. Die Enge des Zimmers, die vergitterten Fenster, die abgeschlossene Außentür – ich fühle mich eingesperrt, und gehe zwischendurch immer wieder nach oben, renne an den Fenstern vorbei, um so rasch wie möglich aus der Gefahrenzone zu kommen, wenn eins bricht.

Gegen 16.00 Uhr bricht die Sonne durch die Wolken, der Himmel wird blau und klar – ein irres Licht nach der diffusen Dämmerung. Und, so unglaublich es ist, der Wind ist weg, so einfach von jetzt auf gleich. Stille, unheimliche Stille jedoch, denn außer der Brandung gibt es keine Geräusche. Jemand fragt hoffnungsvoll, ob nun alles überstanden sei. Aber nein, so endet kein Sturm, diese totale Ruhe kann nur eines bedeuten: Wir sind in Ivans Auge: Es ist das Schlimmste, was uns passieren konnte.

Ich versuche vergeblich mit der Handfunke der Amerikaner Kontakt zu Jens zu bekommen. Erfolglos, vermutlich hat sich unsere Antenne verabschiedet, denn auch später komme ich nicht durch. Die Ungewissheit ist quälend, aber daran ist nichts zu ändern. Jetzt hinausgehen, wäre Wahnsinn, denn der Zauber wird gleich wieder losgehen, und zwar von der anderen Seite. Dann werden draußen abermals jede Menge tödliche Flugobjekte unterwegs sein. Der Katamaran der Amerikaner schwoit jetzt an seinem Platz, einige der Grundgeschirre scheinen nicht gehalten zu haben. Plötzlich, es ist gegen 16.10 Uhr, ändert sich der Luftdruck im Haus sehr spürbar. Das Dach bewegt sich pulsierend ein paar cm auf und ab, als wenn jemand es mit einem riesigen Blasebalg aufpumpen würde. Wenn das mal gut geht. Zeit, den „Bunker“ aufzusuchen.

Einige Minuten später ist die Sonne weg, einzelne heftige Böen fegen ums Haus, es gießt. Mit der kurzen Ruhe ist es vorbei: Ivan fängt schlagartig mit voller Kraft, zwischen 110 und 120 kn, an zu blasen, der Geräuschpegel ist fürchterlich. Doch nachdem das Dach wider Erwarten nicht mit lautem Getöse davongeflogen ist, wagen wir uns bald wieder nach oben. So erschreckend der Anblick der tosenden Elemente auch sein mag, es ist besser als das dumpfe Abwarten da unten in dem engen Raum.

Waren die Schäden schon vorher enorm, so räumt Ivan jetzt, wo er aus der entgegengesetzten Richtung wütet, ab, was noch halbwegs intakt geblieben war. Es sieht nicht so aus, als würde von der Schönheit der Insel viel übrig bleiben. Irgendwas knallt mal wieder aufs Dach, wir sehen Schindeln davonfliegen. An einigen Stellen beginnt Regenwasser durchzulecken, aber immerhin ist das Dach noch da. Ebenso halten die Verandaüberdachung und die sich durchbiegenden Fensterscheiben der rohen Gewalt stand. Ivan zieht quälend langsam nach Westen, lässt sich viel Zeit für sein Zerstörungswerk. Gegen 20.00 Uhr hat der Wind auf 50 – 60 kn nachgelassen. Ich würde am liebsten nachsehen gehen, wie (oder ob?) Jens und das  Boot den schlimmsten Part überstanden haben. Aber es ist stockfinstere Nacht, der Regen peitscht noch immer fast waagerecht durch die Luft, und, wie wir noch bei Tageslicht sehen konnten, ist die Straße durch herumliegende Bäume, Dächer etc. nicht passierbar. Erst geraume Zeit nach Mitternacht lässt der Wind merklich nach, nur in Schauerböen bläst er noch mit etwa 40 kn.

Der Morgen graut, der Regen hat aufgehört, der Wind ist nur noch schwach, sogar die kleinen Frösche (piping frogs) haben ihr übliches Konzert wieder angestimmt. Endlich kann ich zur Bucht hinübergehen. Meine Freundin begleitet mich, dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Der Anblick draußen  erfüllt uns mit ungläubigem Entsetzen: Nicht eines der umliegenden Häuser hat ein intaktes Dach, etliche sind komplett abgedeckt. Dachziegeln liegen überall herum wie lässig hingeworfene Spielsteine, Wellblechstreifen haben sich regelrecht um Baumstämme herumgewickelt. Fensterfronten sind eingedrückt, die dahinter liegenden Räume gleichen Trümmerhaufen. Die meisten Telegrafenmasten liegen am Boden, Zäune sind weggeflogen. Kaum einer der großen, wunderschönen  Bäume der parkähnlich gestalteten Wohngegend steht noch. Viele Bäume sind am Ansatz zur Krone weggebrochen, sie sehen seltsam verdreht aus, als habe eine Riesenfaust sie einfach abgedreht. Büsche und Bäume haben keine Blätter mehr, so als habe man sie mit Entlaubungsmittel behandelt. Nur einige Palmenarten und die eher zart wirkenden Oleanderbüsche sind noch grün, wenn auch ziemlich zerzaust. Die Gegend ist wie leergefegt, der Blick reicht weit wie nie zuvor: überall leblose, graubraune Mondlandschaft.

Ich wage mir nicht vorzustellen, wie es drüben in der Bucht aussehen mag. Mühsam bahnen wir uns einen Weg über das Chaos hinweg zu einer Stelle, von wo aus das Boot zu sehen sein muss. Und da liegt die Te Rapunga an den Mangroven, ganz friedlich, als wäre nichts gewesen. Es scheint alles an seinem Platz zu sein, sie sieht völlig unversehrt aus. Ich lache und heule vor Freude. Die Niedergänge zu den beiden Kajüten sind verschlossen. Jens wird sich eine wohlverdiente Runde Schlaf gönnen. Einige Boote einer Charterfirma müssen sich in Päckchen losgerissen haben und liegen an verschiedenen Stellen der Bucht auf dem Trockenen. An den übrigen Booten ist zumindest kein offensichtlicher Schaden festzustellen.

Es gibt im Augenblick noch keine Möglichkeit zum Boot hinüberzukommen, so gehen wir zurück zum Haus. Dort haben sich die anderen schon versammelt. Es gibt Kaffee, wir sprechen über die Schrecken der vergangenen, nicht enden wollenden Stunden. Der Architekt hat inzwischen sein Haus inspiziert, es ist erstaunlich gut davongekommen. Der Katamaran der Amerikaner ist ebenfalls unbeschädigt geblieben; allerdings sind 4 der 7 Grundgeschirre, zwischen denen das Boot wie in einem Spinnennetz gelegen hatte, gebrochen. Auf dem Baugrundstück hat sich die Baubude mitsamt den darin gelagerten Materialien verabschiedet. „Unser“ Haus hat Ivan bis auf einige weggeflogene Schindeln unbeschadet überstanden, der Garten allerdings sieht wüst aus.

Gegen 8.00 Uhr steht Jens plötzlich in der Tür. Etwas übernächtigt sieht er aus, aber gesund. Er, das Boot und unser Hund haben alles prächtig gemeistert. Bis auf ein paar Kratzer von den Mangroven ist überhaupt kein Schaden am Schiff entstanden. Nicht einmal  während der heftigsten Sturmphase hat Jens Angst gehabt; er sei viel zu beschäftigt gewesen, für Angst habe er irgendwie keine Zeit gehabt.

Ich hoffe, inständig, niemals einen weiteren Hurrikan miterleben zu müssen; die Unbarmherzigkeit der entfesselten Naturgewalten  und die eigene Hilflosigkeit waren bei weitem das Erschreckendste, was ich je erlebt habe. Im Fall des Falles würde ich dann jedoch an Bord bleiben. Das Haus, in dem ich Ivan erlebte, hat sich als sicher herausgestellt. Das hätte durchaus anders sein können, wie die Zerstörungen an den anderen Häusern nur allzu deutlich beweisen. Zudem hat die  ständige Ungewissheit, was mit Jens und dem  Boot passierte, sehr an den Nerven gezehrt.

Unsere sorgfältigen Hurrikanvorbereitungen haben sich als gut erwiesen, das Boot hat die harte Probe bestanden. Jens hatte an Bord niemals ein unsicheres Gefühl. Das Problem sind immer die anderen Boote, die auf Reisen gehen, weil sie nicht ausreichend gesichert sind. In einer anderen Bucht sah es allerdings weit schlimmer aus als bei uns. Dort hatten sich größere Fahrzeuge der Berufsschifffahrt losgerissen und einige Boote versenkt oder zumindest schwer beschädigt.

Ivans Stärke nahm noch immer stetig zu. Am 11.09. zog er mit 130/160 kn Wind (Kategorie 5) südlich von Jamaica, am 13./14.09.  mit 140/170 kn  südwestlich von Kuba vorbei. Beide Inseln hatten Glück im Unglück: das Auge mit seiner tödlichen Winddrehung erwischte sie nicht. Schließlich machte Ivan Landfall bei New Orleans, zog noch einmal als tropischer Sturm in den Golf von Mexiko und „verendete“ endlich nach seinem 2. Landfall bei Galveston/Texas. Den niedrigsten Barometerstand las man am 13.09. mit unglaublichen 910 mb:

It’s not over ......

Die beiden Tage nach Ivan vergingen damit, die zusätzlichen Leinen und Anker einzuholen, das Schiff wieder  segelklar zu machen und  unseren Freunden bei Aufräumarbeiten im Haus und Garten zu helfen. Die Charterfirma begann ihre gestrandeten Boote abzubergen, die meisten anderen hatten die Bucht bereits verlassen. Wir verbleibenden legten uns in der Mitte der Bucht dicht zusammen, vor Anker, denn von überall auf der Insel wurden schwere Plünderungen gemeldet, die mit mutwilligen Zerstörungen einhergingen. Besonders Geschäftsleute berichteten später, die durch Vandalismus angerichteten Zerstörungen seien weit schlimmer gewesen als die Hurrikanschäden. Dann wurde bekannt, dass aus dem völlig zerstörten Gefängnis in St. George’s  alle Insassen entkommen waren. Sollten diese Leute von der Insel verschwinden wollen, war ein schwimmender Untersatz die beste Möglichkeit. Mit nur noch vier Booten fühlten wir uns vor Übergriffen nicht mehr sicher und fuhren deshalb in eine andere Bucht.

Dort hatte Ivan übel gewütet: Neben dem an Land angerichteten Chaos hatte er etwa 15 Yachten auf Strände und Riffe geworfen, in der Marina ragten die Masten einiger gesunkener Boote aus dem Wasser. Wenigstens gab es hier viele bewohnte Boote, und die Yachties hatten einen nächtlichen Wachdienst und andere sinnvolle Hilfsaktionen organisiert. Zudem waren in einem nahe gelegenen Hotelgebäude Militär und Hilfspersonal stationiert.

Anfangs planten wir nach Trinidad zu fahren, aber Berichte, Yachten seien auf dem Weg dorthin von venezolanischen Piraten überfallen worden, hielten uns erstmal davon ab. Bei den anhaltenden südöstlichen Winden und dem starken Weststrom in diesem Seegebiet hätten wir unter Segeln auch keine Chance gehabt. Und 90 sm mit zwei 15 PS Außenbordern gegen Wind und Wellen anzumotoren, war kaum möglich. Mal abgesehen von unseren dafür nicht ausreichenden Benzinvorräten, die wir nicht ergänzen konnten. Es gab nämlich schlicht nichts zu kaufen auf dieser völlig zerfetzten Insel – wir waren in einem Katastrophengebiet. Unsere Lebensmittel mochten mit einigem Strecken 2 Wochen reichen; wir ergänzten unseren immer eintöniger werdenden Speiseplan mit nahrhaften Kokosnüssen. Heruntergewehte Orangen und Grapefruits, wenn sie auch keine Zeit zum Reifen gehabt hatten, versorgten uns immerhin mit einigen Vitaminen. Sollte sich die Versorgungs- und Sicherheitslage verschlechtern oder ein weiterer Hurrikan nahen, wollten wir nach Isla Margarita segeln.

Nach ca. 1 Woche waren Grenadas Straßen soweit freigeräumt, dass Hilfsfahrzeuge, wegen der anfangs vorgekommenen Überfälle schwer bewacht, auch in entlegenere Gebiete vordringen konnten. Hilfsgüter aller Art kamen laufend mit Schiffen, die zum Schutz vor Piratenüberfällen meistens im Konvoi fuhren und Flugzeugen herein.

Allmählich nahmen Plünderungen und Überfälle ab, denn Polizei und Militär, ergänzt durch Truppen aus anderen Ländern, hatten hart durchgegriffen, und es war eine zeitweise 24-stündige Ausgangssperre verhängt worden.

Nach und nach kamen Sportboote aus Trinidad, Tobago und Martinique mit Lebensmitteln und anderen Hilfsgütern nach Grenada und verteilten sie an Grenadians und Yachties. Mal bekamen wir Dosenfood, Nudeln, Mehl, Reis, mal ein Huhn, ein Paket Speck und, oh Wunder, frisches Gemüse – ein wahres Fest. Einige Boote, die Wassermacher mit großer Kapazität hatten, produzierten über Wochen hinweg Trinkwasser und gaben es an jeden aus, der es benötigte.

Irgendwann begannen ein paar Banken, Supermärkte und Tankstellen, alle schwer bewacht, stundenweise zu öffnen. Die Tankstellen schlossen gleich darauf wieder für einige Zeit, um die Verteilung des Kraftstoffes besser zu organisieren. Es hatte zwar immer genügend Diesel und Benzin auf der Insel gegeben, doch verursachten lange Schlangen von Privatautos ein heilloses Chaos, und die Hilfsfahrzeuge kamen weder an die Tankstellen heran noch in ihre Zielgebiete.

Da das öffentliche Transportsystem (Minibusse, Maxitaxis genannt) noch nicht wieder funktionierte, nahmen wir uns ein Taxi und konnten etwas Benzin und einige Lebensmittel erstehen; nichts Frisches natürlich, denn die Landwirtschaft war völlig zum Erliegen gekommen. Natürlich nutzten die Taxifahrer die Gelegenheit für etwas überhöhte Preise. Aber egal, zu Fuß mit Geld oder Tüten voller Lebensmittel durch die Gegend zu marschieren, war nicht ratsam, ganz besonders nicht mit unserer Hautfarbe. Anfangs durften die Leute nur in kleinen Gruppen und für 10 Minuten in die Supermärkte; wer da nicht genau wusste, wo was zu finden war, ging leer aus. Nach einiger Zeit normalisierte sich das, die Öffnungszeiten wurden ausgeweitet.

Zwei Tage nach dem Hurrikan hatten wir über das Satellitentelefon eines amerikanischen Seglers eine Nachricht an Freunde in Deutschland übermitteln können, dass wir ok waren. Ansonsten gab es keine Kommunikation mit der Außenwelt, die Telefonsysteme waren noch down. Plötzlich, am 16.09., arbeitete unser Handy wieder, endlich konnten wir ausführlicher mit Familie und Freunden telefonieren, ein herrliches Gefühl. Die Telefongesellschaft hatte jedem Handy großzügig 50 EC $ gutgeschrieben, die allerdings bei unserem enormen Mitteilungsbedürfnis rasch verbraucht waren. Telefonkarten konnten wir eine Weile nicht kaufen, doch waren wir nun immerhin erreichbar.

Inzwischen waren Schlepper mit Schuten und Kränen angereist und begannen mit der Bergung der gestrandeten und gesunkenen Boote. Wer eine kulante Versicherung hatte, konnte sich glücklich schätzen, die anderen mussten tief in die Privatschatulle greifen. Einige Schiffe werden womöglich liegenbleiben, weil die Eigner kein Geld für eine Bergung aufbringen können. Die meisten Boote gingen, notdürftig repariert, im Konvoi nach Trinidad, um dort auf den Werften instandgesetzt zu werden. Aber inzwischen haben die Werften eine ellenlange Warteliste, und der Ankerplatz in Chaguaramas, ohnehin schon recht unangenehm, ist überfüllt.

Immer mehr Boote verließen die Bucht, so zogen wir um in die Prickly Bay, die belebter war und ist.  Von hier aus konnten wir mit den inzwischen wieder fahrenden Maxitaxis unsere Einkäufe erledigen. Allmählich fanden wir die Situation nicht mehr so bedrohlich, zumindest hier im Süden. St. George’s soll immer noch nur mit Vorsicht zu genießen  sein (Klauereien). Dort in der Lagune hatten übrigens auch die schlimmsten Übergriffe auf gestrandete Yachten stattgefunden.

Wir haben beschlossen auf Grenada zu bleiben, bis das Ende der Hurrikansaison uns erlaubt nach Norden zu segeln. Bis dahin sind noch etliche Arbeiten am Boot zu erledigen, wie wir bisher jedes Jahr die Regenzeit dazu genutzt hatten, Reparaturen und Instandhaltungsarbeiten durchzuführen. Aber diesmal hinken wir unserer EWA (ewig währenden Arbeitsliste) ein gutes Stück hinterher.

Das Leben auf der Insel normalisierte sich zusehends. Die Menschen sind gelöster, der erste Schock ist überwunden. Schulen haben den Unterricht wieder aufgenommen, die meisten Behörden sind geöffnet, ebenso mehr und mehr Geschäfte. Die Aufräum- und Reparaturarbeiten gehen gut voran, wenn es auch noch lange dauern wird, bis alles wieder halbwegs intakt ist. Zwei Wochen nach Ivan waren die meisten öffentlichen Wasserstellen wieder intakt, nun, Mitte Oktober, gibt es vielerorts auch fließendes Wasser in den Häusern. Große Teile der Insel sind inzwischen mit Strom versorgt, in abgelegeneren Gebieten dürfte es mindestens noch 3 – 4 Monate keine Elektrizität geben. (Wie gut geht es uns doch mit unserer Wind- und Solarenergie und dem aufgefangenen Regenwasser.) Die Wiederherstellung des Netzes für Haustelefone wird noch dauern, zum Glück haben sehr viele Leute Handys.

Wichtig ist, dass die Landwirtschaft bald wieder in Gang kommt. Die Farmer bauen erstmal schnell wachsende Pflanzen an, um die Bevölkerung so rasch wie möglich mit Gemüse versorgen zu können. Eine Geflügelfarm kann in absehbarer Zeit Hühner- und Putenfleisch liefern. Bis es allerdings wieder tragende Obstbäume gibt, werden Jahre vergehen. Auch der Handel mit Kakaobohnen und Muskatnüssen wird sich lange Zeit nicht von diesem Schlag erholen; fast alle Bäume sind zerstört, und insbesondere Muskatbäume tragen erst nach 7 – 10 Jahren.

Die wichtige Tourismusbranche muss ebenfalls große Einbussen hinnehmen. Zwar haben Kreuzfahrtschiffe Grenada nicht von ihrer  Reiseroute gestrichen, doch werden viele Hotels wegen notwendiger Reparaturen für ein Jahr geschlossen bleiben. Das kostet viele Arbeitsplätze.

In den vergangenen Jahren hatten sich immer mehr Yachten für die Hurrikanzeit nach Grenada orientiert. Trinidad und Venezuela waren wegen der hohen Kriminalitätsraten in Verruf geraten. Und der Weg von dort zurück zur Inselkette ist kein Zuckerschlecken, besonders nicht von Venezuela. Zudem hatten in Grenada zwei Bootswerften ihren Betrieb aufgenommen, dazu zwei Yachtausrüster und andere Servicebetriebe. Und vor allem, Grenada, am S-Rand des Hurrikangürtels gelegen, hatte seit 49 Jahren keinen Hurrikan gehabt und galt als sehr sicher. Diesen Ruf hat Ivan gründlich zerstört.

Bei Ivans Durchmarsch befanden sich 670 Boote auf Grenada, die Hälfte davon auf den beiden genannten Werften. Auf einer davon sind allein 123 umgekippt (Dominoeffekt). Das Aufrichten durch eine Bergungsfirma kostete zwischen 5.000 und 6.500 US $ pro Boot.

Statistik der Schäden an Yachten:

        Totalschaden                            1

         sehr schwere Schäden            10

         vermisst                                   1

         gesunken                               15

         umgekippt/gestrandet           241

         über Kopf liegend                      3 (= Mehrrumpfboote. Es wurde übrigens beobachtet, wie eine

                                                                 Snowgoose 35 an ihrem Ankergeschirr geflogen ist wie

                                                                 ein Drachen an der Leine.)

Die Übrigen haben leichte bis mittlere Schäden; nicht sehr viele sind völlig ungeschoren davongekommen. Jedenfalls haben Cash-Aufkäufer hier manches Schnäppchen ergattert.

Zu erwähnen ist noch, dass ein Radiosender auf Barbados vom 09.09. an eine Sendung speziell für Grenada ausstrahlte (am 16.09. war eine Station auf Grenada wieder sendebereit), die mangels Strom von den Grenadians natürlich nur mit batteriebetriebenen Radios empfangen werden konnten. Obwohl innerhalb Grenadas erst am 16.09. die Handys wieder funktionierten, konnte man mit einigen Geräten schon vorher Barbados erreichen. Eine Telefongesellschaft hatte hierfür eine kostenlose Leitung zur Verfügung gestellt. Anrufer berichteten über die Lage auf der Insel, über Probleme in der Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten oder gaben Suchmeldungen für Familienangehörige und Freunde durch. Die Moderatoren gaben diese Meldungen an Hilfsorganisationen auf Grenada weiter und konnten vielfach verängstigte Anrufer beruhigen. Der Sender verhinderte mit seinen sachlichen und umfassenden Informationen ein Überbrodeln der Gerüchteküche. Wie für viele Grenadians war auch für uns dieser Sender eine der wichtigsten Informationsquellen. AM 900 auf Barbados hat großartige Arbeit geleistet.